Klirrende Kälte

Es ist heute sehr kalt und sehr klar. Meine Laufenten entscheiden selber, ob sie noch aus dem Stall gehen oder lieber drin bleiben, bis -15 Grad stören sie sich nicht an Kälte. Unser Thermomenter sagt knapp unter -10 tagsüber, nachts deutlich kälter. Noch gehen sie raus, ein Indiz für mich, dass es ihnen gefällt und gut geht. Ich habe in meinen vier Jahren Laufentenhaltung noch nicht erlebt, dass sie im Stall geblieben wären. Keinen einzigen Tag.

Dank Hunden muss ich ja auch raus, und die Erfahrung ist wie immer wundervoll. Bei meinem Morgenspaziergang bläst mir ein eisiger Wind bei Sonnenschein ins Gesicht und meine Kleidungsschichten halten gerade so die Kälte ab. Ich empfinde die klirrende Kälte als reinigend, den Wind als Helfer, alle unerwünschten Gedanken möglichst schnell fortzutragen und altes loslassen zu dürfen. Das gleissende Licht schmerzt anfangs in den Augen, vor allem in Kombination mit dem Pulverschnee, aber auch daran gewöhne ich mich. Hätte ich die Wahl, wäre ich vielleicht lieber in meinen warmen vier Wänden geblieben. Dann hätte ich nicht diese Winterschönheit wahrnehmen können. Außerdem weiß ich, dass ich nicht diese Zufriedenheit in mir spüre, wenn ich mich nicht bewegt hätte. Für mich lohnt es sich immer, raus zu gehen, auch wenn ich manches Mal einen ordentlichen Schubs von meinem Hund benötige! Genießt die Natur in vollen Zügen, sie ist uns geschenkt und macht jeden Augenblick reich!

Loslassen

Mir begegnet momentan auffällig häufig in unterschiedlichen Kontexten das Wort „Loslassen“. Bei meiner Yogapraxis, in Zeitschriften und Büchern, in Dokumentationen, in Gesprächen mit Freunden. Das ist in Zeiten einer Pandemie natürlich nicht verwunderlich, da wir ja seit fast einem Jahr trainieren müssen, unsere alten Gewohnheiten, Erwartungen und Leben loszulassen, weil sie in der gewohnten Form im Moment nicht umsetzbar sind. Ich hatte in der Vergangenheit schon ein paar Mal die Ehre, sterbende Menschen zu begleiten, was ich als unglaublich wertvoll für mein eigenes Leben erachte. Ich habe den Moment des Loslassens der jeweiligen Person als sehr befreiend und friedlich erlebt. In meiner momentanen „Bibel“, dem „tibetischen Buch vom Leben und Sterben“ kann man den Rat nachlesen, alles um sich herum als vergänglich zu betrachten, nichts festhalten zu wollen oder sich an etwas zu klammern. Den Rat anzunehmen und zu beherzigen klingt für mich wie eine große Herausforderung und ist es auch. Eine Bestandsaufnahme über die Dinge, an die ich mich „klammere“, ist ein sinnvoller erster Schritt für mich, in schriftlicher Form versteht sich, weil Schreiben meine Leidenschaft ist. Nun gelingt mir gedanklich vermeintlich relativ einfach, mich von materiellen Dingen unabhängig zu sehen. Um ein vielfaches schwieriger fällt mir der Gedanke, dass meine Tiere und vor allem meine Familie und Freunde vergänglich sind und nicht für die Ewigkeit meine Begleiter bleiben. Für mich eine Vorstellung, die ich in kleinen feinen Dosen an mich heranlassen muss, allzu unangenehm ist sie. Ich habe aber im Laufe meines Lebens erfahren dürfen, dass die größten Ängste immer kleiner werden, je öfter man sie durchfühlt. Dazu eignet sich wundervoll die tägliche Meditation, in welcher Form auch immer. Laut buddhistischer Lehre führt das absolute Loslassen-Können zum größten Glück und dazu, das eigene Gehen in der Zukunft annehmen zu können. Für mich ein Training, das sich lohnt!

Die Natur ist für mich im Annahmeprozess und Vertrauen bleiben ein Lehrmeister. Alles wird und vergeht zu seiner Zeit.