Regen und Gewitter

Die Nacht im Zelt war abenteuerlich, denn es zog ein heftiges Gewitter auf und entlud sich gefühlt direkt über uns. Morgens war es aber erst mal trocken und fröhlich machten wir uns für unseren letzten Tag auf den Weg. Achtundzwanzig Kilometer lagen vor uns, gestern dreißig und nun bin ich zufrieden in der Pilger Herberge. Mittags begann es zu regnen, wir nannten es nieseln, aber irgendwann ließ sich der Starkregen nicht mehr schön reden:-) völlig nass sind wir geworden, auch alles, was wir dabei haben! Die gute Laune ließen wir uns aber nicht verregnen, eine traumhafte Pizza und ein kleines Bier machte kräftig genug für die letzte Etappe. Meine Nichte und ich gehen jedes Jahr ein Stück Jakobsweg Richtung Santiago de Compostela, wie es gerade in unser Leben passt. Ob wir ankommen, wissen wir nie, es ist immer spannend! Morgen fahren wir mit dem Zug heim, ich bin sicher, wir zehren wieder lange von dieser wundervollen Erfahrung!

Schönes Wochenende

Pilgern

Mein Papa fuhr rund 3000 Kilometer mit seinem Mountainbike von Bayern nach Santiago de Compostela. Zu seinem Reisezeitpunkt war er schon sehr geplagt von der Parkinsonschen Krankheit und nach drei ersten schmerzhaften Tagen, in denen er sein Vorhaben wieder aufgeben wollte, zog er die Radpilgerreise mit gutem Zureden seiner Familie durch. Vor einigen Jahren ist er verstorben und hat eine große Lücke hinterlassen. Er hat uns ein wundervolles Reisetagebuch verfasst, dass nun seit 5 Jahren die Route des Jakobsweges für meine Nichte und mich bestimmt. Wir gehen zu zweit zu Fuß, jeweils ein paar Tage im Jahr, halten uns an jeden Hinweis von meinem Papa, folgen auch seinen (meist ungewollten) Umwegen und versuchen, in den gleichen Unterkünften zu übernachten, die er gewählt hat. Wir lesen seine Aufzeichnungen immer nur so weit, wie wir gedenken zu kommen. Dieses Jahr mussten wir aufgrund der Pandemie unsere gemeinsame Wanderung absagen, aber es gibt bestimmt ein nächstes Mal. Ich habe grob ausgerechnet, dass wir in unserem derzeitigen Tempo in ca. 24 Jahren am Ziel sein werden, aber unser Motto ist natürlich „Der Weg ist das Ziel“.

In jedem Abschnitt unserer bisherigen Reise war mein Papa unglaublich präsent. Wir holen uns wo immer möglich den Jakobsstempel für unseren Pilgerausweis und allein die Vorstellung, dass diesen vor einer Ewigkeit auch Papa in seinen Ausweis gedrückt hat, ist beglückend. Seine Notizen bereichern uns sehr durch sein Auge fürs Detail, er gibt uns wertvolle Hinweise und Wissenswertes über die Geschichte der einzelnen Stationen und Strecken. Wir müssen lachen, weinen, jammern, nachdenken, schweigen, reden und erleben alles wie durch ein Vergrößerungsglas, denn das Wandern steigert stark die Wahrnehmung.

Ohne Vorerfahrung, ohne darüber groß nachzudenken und ohne lang zu planen oder zu trainieren gingen und gehen wir los, unsere Ausrüstung ist eher unperfekt (und meistens viel zu schwer:-)), aber wir kommen immer reicher nach Hause und sind erfüllt von den Eindrücken und Erfahrungen, die wir machen durften. Kann ich jedem nur empfehlen!

Schöne erste Dezemberwoche!