Gegen den Strom

Heute morgen beim Frühstück in der Kindergruppe schmeckte einem Kind der angebissene Apfel nicht mehr. Kurzerhand wollte der Kleine das verbliebene Stückchen unterm Tisch unauffällig entsorgen. Leider hat er nicht mit mir gerechnet 🙂 Ich habe ihm geholfen, das Stück wieder aufzuheben, ein weiterer Versuch seinerseits zum Abchecken meiner Reaktion führte dazu, dass wir das Spiel auch noch ein drittes und viertes Mal spielten. Einfach das Stück am Tisch liegen zu lassen, fand er nicht in Ordnung in diesem Moment. Diese Erlebnisse mit Kindern unter drei Jahren finde ich unglaublich entschleunigend! Kinder lernen, entdecken, trainieren, üben, vieles ist ihnen neu, sie machen unterschiedlichste Erfahrungen und das in ihrem eigenen Tempo. Da kann man noch so auf die Tube drücken, die Kinder geben ganz natürlich die Zeit vor. Ein anderer Junge wollte dann nicht sofort mit in den Garten beim wunderschönen Sonnenschein, er wollte noch fünf Minuten aus dem Fenster schauen, bevor er sich schließlich zum Anziehen entschloss. Es braucht Gelassenheit und Geduld im täglichen Gruppengeschehen, es lehrt mich immer wieder inne zu halten, Gelegenheiten zur individuellen Entwicklung zuzulassen. Für mich wünsche ich mir auch, Dinge in meinem Tempo und zu seiner Zeit zu erledigen oder zu tun. Das entstresst mich ungemein. Und fühlt sich, wie in der Arbeit mit Kindern, richtig an!

Psychisch nachwachsen

Eine Bekannte von mir fand diesen Ausdruck in einer Whatsapp für sich sehr schön. Sie steckt mitten in einer Krebstherapie, wir haben uns quasi nach langer Zeit in der Klinik wieder getroffen. Seit sie mir auch per Whatsapp gespiegelt hat, dass diese Beschreibung für sie sehr passend ist, denke ich über meine Aussage nach. Manchmal passiert etwas im Leben, auf das man nicht vorbereitet ist. Es entsteht ein Schock, eine Traumatisierung und wir funktionieren auf Autopilot. Phase eins sozusagen. Das ist zunächst einmal lebensnotwendig. Im Nachgang, wenn der erste Schock verdaut ist, versuchen wir, aufzräumen, Trümmer zu beseitigen, eine Bestandsaufnahme zu machen und zu erkennen, was heil ist, was aussortiert werden muss und wie nun im Hier und Jetzt weitergemacht werden kann. Dies dauert auch einige Zeit, natürlich bei jedem Menschen individuell lange. Ist diese Phase dann verinnerlicht, hat man sich an seine veränderte Situation gewöhnt, kommt schließlich die Phase der Verarbeitung, das psychische Nachwachsen. Manchmal fühlt sich die Geschichte aus der jüngeren Vergangenheit an, als wäre sie mir gar nicht widerfahren, dann wiederum ist die emotionale Erinnerung zum Beispiel in einem Wartezimmer (in denen ich seit einem dreiviertel Jahr mehr Zeit verbringe als vorher in meinen 42-jährigen Leben…) so präsent, dass mein Körper in Aufruhr gerät. Ich glaube, die psychische Nachwachsphase braucht ebenso Aufmerksamkeit und individuell Zeit, wie die ersten zwei Phasen und Selbstfürsorge ist ein wesentlicher Aspekt, um den Prozess positiv zu beeinflussen. Mein heutiger Selbstfürsorge Tipp an diesem Mittwoch: Mache es Dir heute eine halbe Stunde bewusst gemütlich an Deinem Lieblingsplatz in der Wohnung, zünde eine Kerze an und lasse Deine Gedanken kommen und gehen!