Mein Kind und mein Krebs

Meine Tochter ist 13. Sie steckt mitten in der Phase ihres Lebens, in der sie denkt, sie durchschaut die Welt voll und ganz und ist darüber hinaus größenwahnsinnig und unglaublich cool. Ich hatte Angst, dass meine Diagnose ihr diese Eigenheiten der Pubertät nehmen könnte. Ich hatte Angst, sie wäre übervorsichtig mit mir und würde sich nicht trauen zu rebellieren. Sie fragte mich gleich, nachdem ich von der Mammografie heimkam, ob ich nun Krebs habe, als ich bejahte, fragte sie, was wir denn nun machen werden. Ich antwortete, dass wir den Krebs halt heilen. Die nächste Frage war dann, ob ich denn sterben werde, ein paar Tage später. Ich habe wahrheitsgemäß geantwortet, dass das natürlich auch im Repertoire der kommenden Zeit drin sein könnte. Daraufhin hat sie sich ganz sachlich erkundigt, was dann mit ihr sein wird, wo sie wohnen wird, wo Geld herbekommen kann und wer auf sie aufpasst. Ebenso sachlich habe ich ihr meine Pläne, wie das alles geregelt ist, eröffnet. Am Abend vor der OP, als ich radioaktives Material gespritzt bekam, damit sich mein Wächterknoten nicht vor dem Skalpell verstecken konnte, durften wir dann keinen Körperkontakt haben. Da haben wir dann beide einmal gemeinsam geweint. Das wars dann auch mit offenen Emotionen. Im Krankenhaus telefonierte ich natürlich mit ihr und freute mich über den Spaß, den sie zuhause mit ihren Cousinen hatte. Zurück daheim bat sie mich, erst mal die Wunde nicht sehen zu müssen. Natürlich achtete ich ihren Wunsch, bis ich nach Wochen merkte, dass es okay war.

Ich frage sie manchmal, wie es ihr geht, wie sie mit unserer Situation klar kommt, ob sie vielleicht Hilfe von außen in Anspruch nehmen will. Aber das starke Mädchen macht ganzheitlich den Eindruck, als hätte sie dieses Kapitel schon abgehakt und für sich gut verkraftet. Ich hoffe oft, dass ich nichts übersehe. Ich merke aber, dass sie nicht besonders rücksichtsvoll in ihrem Teenie-Egoismus sein kann, dass sie die Augen verdreht, wenn ich etwas sage oder dass wir Konflikte in Hülle und Fülle haben, die sich um Mithilfe und Tierversorgung drehen. Ganz normal also. Puh, ich dachte nicht, dass ich so dankbar über die Kämpfe mit meinem Pubertier sein werde!

Das Wichtigste im Umgang mit meinem Kind war die Offenheit, Ehrlichkeit und Sachlichkeit. Sie wusste und weiß über alles Bescheid, was sie wissen möchte. So glaube ich, haben wir das beide einigermaßen gut gemeinsam überstanden.

Einen wundervollen ersten Adventssonntagabend!

Christine