Der Abschied in einer Begleitung

Unweigerlich führt eine Begleitung früher oder später zum Loslassen und voneinander verabschieden.

Mein begleiteter Mensch lag nach ungefähr zwei Wochen bewusster Besuche, Gespräche und Wahrnehmung eines Tages schlafend in seinem Bett. Seine seltenen Atemzüge und das Nicht-Reagieren auf meine Ansprache oder Berührung offenbarte mir, dass unser gemeinsames Stückchen Weg nun ein greifbares Ende haben wird. Ein eigenartiges Gefühl für mich, das ich bereits bei sterbenden Verwandten in der Vergangenheit verspürte. Unvorstellbar fast, denn in allem, was ich über einen Zeitraum regelmäßig tue, entwickelt sich für mich eine Routine. Besuche beispielsweise in der Palliativ – Station. Dass diese jeweilige Routine endet, ist unvorstellbarerweise immer wieder eine neue Erfahrung für mich, obwohl ich dies schon mehrfach erlebt habe.

Ich saß an dem Tag am Krankenbett, hielt die Hand und blieb geraume Zeit, in der ich versuchte, den Atem Rhythmus aufzunehmen und bei besonders schweren Atemzügen leise kommentierte, dass ich spüre, dass das Leben und vermutlich das letzte Stückchen Weg für den Menschen manchmal sehr schwer zu schaffen war und wäre. Mein Geist rekapitulierte nochmal alle unsere Gespräche und Erlebnisse und ich dankte stumm für die geteilte Zeit und das Vertrauen.

Ich verabschiedete mich schließlich in dem Bewusstsein, dass es das letzte Mal gewesen sein könnte… war es aber nicht, so viel verrate ich schon mal!

Eine gesegnete Woche!

Christine

Heilkraft der Natur

Mit den großen und kleinen Fragen des Lebens zu hadern und aus der Spur des Vertrauens ins Leben zu rutschen, kennt höchstwahrscheinlich jeder Mensch. Gewissensfragen, Moral, Ethik, die Liebe… immer wieder sind wir gefordert, Stellung zu beziehen, im besten Fall in unserem eigenen Sinn!

Die Natur ist der beste Ratgeber für mich in herausfordernden Zeiten. Der Lauf der Jahreszeiten, die Sicherheit, das alles einfach kommt und geht, ohne das „Warum“ zu hinterfragen, gibt mir Zuversicht und Kraft, weil ich mich als Teil der mich umgebenden Natur, als Teil des großen Ganzen wahrnehme.

Ein Blatt am Baum lebt sein Leben ab dem Frühling bis es im Herbst verwelkt und abfällt. Ob es sich jemals bewusst ist, Teil eines Baumes zu sein, erschließt sich mir nicht. Es zeigt mir aber deutlich, dass das Leben viel größer ist, als der winzig kleine Ausschnitt, den ich wahrzunehmen vermag.

Ich sehe das Blatt gerne als Metapher für mein eigenes Leben: ich bin Teil von etwas größerem, lebe und bewege mich darin, bis es Zeit ist, zu vergehen im Vertrauen, dass all das gut und richtig ist!

Bleibt im Vertrauen! Alles Liebe!

Christine

Anleitung zum würdevollen Sterben

Es wäre in meiner Wahrnehmung hilfreich und wundervoll, wenn wir für all die Herausforderungen, die uns im Leben begegnen, Anleitungen und Gebrauchsanweisungen sozusagen frei Haus gleich mitgeschickt bekämen… so ist es aber nicht, wie wir alle immer wieder erleben und erfahren. Manchmal schmerzlich, manchmal überraschend, manchmal dankbar oder zur eigenen Freude. Geburt – Leben -Tod, das haben wir alle zu bewältigen, wir sitzen im gleichen Boot und sind dennoch häufig weit voreinander entfernt, dabei wäre es hilfreich und heilsam, alles zu teilen und gemeinsam zu tragen.

Vergangene Woche war ich auf der Beerdigung eines lieben Mitsängers aus meiner Chorgemeinschaft. Nach einer Krebserkrankung entschied er sich gegen weitere Maßnahmen und regelte detailliert, durchdacht und komplett all seine Belange inklusive der Beerdigung. Sein Leben war durchgängig geprägt von Gemeinschaft, Solidarität, Engagement im Vereinsleben, Hilfsbereitschaft, Fröhlichkeit und der konsequenten Hinwendung zu Mitmenschen. Seine Ausstrahlung war positiv und machte jedes Treffen ein bisschen schöner. Besonders in Erinnerung wird mir bleiben, dass er in einer völlig absurden Situation in seiner Jackentasche einen Schraubenzieher zur Verfügung hatte, als ich einen Schmetterling befreien wollte😀.

Sein langsames Gehen von dieser Welt ging er ebenso bewusst wie sein Leben an. Bis zum Ende war er voll da, konnte selbstständig gehen und noch ein bisschen reden, bis er schließlich mitten unter einer Unterhaltung einfach einschlief, und das dann für immer.

Seine Beerdigung war ein würdiger Abschluss eines wahnsinnig würdevollen Lebens und Sterbens! Beeindruckend und inspirierend, eine Anleitung für mein eigenes Dasein!

Eine tolle Woche

Christine

Übung zum Loslassen

In einer Kurseinheit in der Hospizbegleiter Ausbildung durften wir auf fünf verschiedenen Zetteln zu konkreten Fragen (zum Beispiel: welche körperliche Fähigkeit ist mir besonders wichtig oder bei wem fühle ich mich besonders geborgen) unsere ganz persönlichen Antworten aufschreiben. Diese Zettel falteten wir so zusammen, dass sie möglichst identisch aussahen.

Nun mussten wir uns einen aussuchen und weg legen. Dann den nächsten. Dann unseren Nachbarn bitten, einen zu ziehen und weg zu legen. Dann kam noch der Kursleiter und entledigte uns des vorletzten Zettels. Den letzten durften wir schließlich öffnen. Was blieb, war nicht die große Frage, sondern wovon musste ich mich verabschieden. Und welche Gefühle sind mit der Vorstellung verbunden, wirklich wichtige Dinge des Lebens gehen lassen zu müssen. Es entspann sich eine wertvolle Diskussion, wem was besonders wichtig ist und worauf man vermeintlich locker verzichten könnte. Alles aus der Theorie und Vorstellung heraus.

Am Ende des Lebens wird man damit konfrontiert, alles, was einem lieb und teuer ist, loszulassen. Ich bin der festen Überzeugung, dass man dies üben kann, indem man sich dieses Thema bewusst macht und ab und zu „was wäre wenn“ gedanklich durchspielt!

Eine wundervolle Woche

Christine

Leben wollen

Immer wieder stellte sich mein Begleiteter in unseren nächsten Treffen die Frage, was mit ihm los sei und womit er dieses Schicksal verdient hätte.

Darauf konnte ich den Menschen natürlich keine befriedigende Antwort geben. Ich konnte aber sachlich und ruhig über die Krankheit sprechen, die sein Leben stark beeinträchtige und Schmerzen verursachte. Er wollte einfach gerne weiterleben! Ich konnte Anteil nehmen und mein Mitgefühl verbalisieren, seine Gefühle in meine Worte übersetzen und versichern, dass ich den Weg mitgehen und ihn nicht allein lassen würde.

Die Meinungen, inwiefern unsere Psyche, unser Verhalten oder unsere Gedanken für Krankheiten verantwortlich sind, gehen bekanntlich weit auseinander. Dazu darf jeder Mensch für sich selber eine Wahrheit finden und leben. Dies frühzeitig zu tun, dazu werde ich in den Begleitungen ermuntert, denn aktiv mein Leben und meine Gesundheit zu gestalten hilft mir persönlich, im Vertrauen ins Leben zu bleiben!

Eine wundervolle, dankbare Woche euch allen!

Christine

Wissen beruhigt

Mit meinen Fotos und den neuesten Informationen über den Aufenthaltsort und dem Befinden der Katze überraschte ich beim nächsten Treffen meinen Begleiteten. Die Freude und die Erleichterung darüber, dass die Katze wohlauf und sich darüber hinaus in sehr guten Händen befand, war sehr groß. Wieder verging unsere Zeit mit Geschichten über die gemeinsame Zeit mit den Tieren und wie sehr sie über die Jahre ans Herz des Menschen gewachsen waren. Das aktuelle Foto der Katze hängte ich gut vom Bett aus sichtbar an die Wand.

Ein nicht geklärtes Thema durfte geklärt werden. Im Prozess des Sterbens ein sehr wichtiger Schritt, um Loslassen zu können. Aber die Zeit war noch nicht gekommen.

Mehr dazu beim nächsten Mal! Einen guten und bewussten, dankbaren Start in eine neue Woche!

Christine

Die Begleitung geht weiter

Das zweite Treffen im Rahmen dieser Begleitung war für mich sehr berührend.

Nach einer herzlichen Begrüßung ganz ohne Berührungsangst und sehr großem Gefühl des -Seins durfte ich sehr schnell die Bilder der zwei Katzen meines Begleitetem bewundern. Sie hingen bereits an der Wand, obwohl der Umzug ins neue Heim erst kürzlich erfolgt war. Schnell kristallisierte sich heraus, dass eine der Katzen verstorben war. Die andere lebt noch, allerdings war der Prozess des Umzugs so schnell, dass der Aufenthaltsort der Katze dem Menschen nicht bekannt war. Dieser Umstand machte diesen sehr, sehr traurig, was ich sehr gut verstehen kann! Es flossen viele Tränen und ich hörte viele Geschichten über gemeinsame Erlebnisse mit der Katze über die vergangenen gemeinsamen zwölf Jahre!

Mein Mitgefühl war wirklich sehr groß, sowohl für Mensch als auch für Tier!

Ich versuchte schließlich herauszufinden, wo die Katze ein Zuhause gefunden hatte. Nach einiger Recherche hatte ich Erfolg. Ich durfte die Katze nach Absprache besuchen und konnte zu unserem nächsten Termin Neuigkeiten mitbringen!

Dazu mehr das nächste Mal!

Zweite Begleitung

Nicht viel Zeit zog ins Land, dann erhielt ich die nächste Anfrage zu einer weiteren Begleitung.

Die Anfragen werden von Koordinatoren verwaltet. Je nach Kapazität, Wohnortnähe und möglichen Erfahrungswerten sortieren diese Koordinatoren die gestellten Anfragen und erkundigen sich dann ihrerseits bei den ehrenamtlichen Hospizbegleitern, die in Frage kommen.

Ich wurde also angerufen und entschied, diese Begleitung auch zu übernehmen. Der zu Begleitende war ein Mensch mit Krebs im Endstadium ohne Familie.

Zu unserem ersten Termin nahm ich frische Sonnenblumen vom Feld mit und stellte mich vor. Wir kamen sofort ins Gespräch und verbrachten kurzweilige zwei Stunden mit kennenlernen und plaudern.

Die Blumen haben das erste Eis gebrochen, dann war zuhören meine wichtigste Aufgabe.

Ich verabschiedete mich schließlich mit der Vereinbarung, bald wieder zu kommen. In dieser Arbeit macht es wenig Sinn, zu versprechen, wann. Da ich aber gerade Urlaub hatte, plante ich, zeitnah wieder zu kommen. Grundsätzlich geht man mindestens einmal pro Woche zu einer Begleitung. Und das tat ich dann auch… aber mehr beim nächsten Mal!

Eine dankbare Woche

Christine

Die erste Begleitung

Ich wurde gebeten, bei einer Begleitung für eine Kollegin einzuspringen, die schon seit ein paar Wochen einen gemeinsamen Weg mit einem sehr alten, kranken Menschen ging. Ich sagte gleich zu, damit ich den Sprung ins kalte, neue Gewässer nicht zu lange hinausschieben würde.

Absichtslos und etwas aufgeregt machte ich mich also auf den Weg zu dem sterbenden Menschen. Eine direkte Kommunikation war nicht mehr möglich, also setzte ich mich einfach ins Zimmer ans Bett, stellte mich vor und blieb sitzen.

Es fiel mir erst mal nicht leicht, nichts zu tun, sondern einfach nur zu sitzen und sozusagen mit zu warten. Je länger ich aber dort saß, desto mehr kehrte Ruhe und Gelassenheit ein. Ich passte mich dem Atem Rhythmus an und redete im Geist mit dem Menschen, vorwiegend über Fotos, die Angehörige zeigten. Die Gedanken kamen und gingen und es war gut so.

Der Mensch ging, kurz bevor ich meinen zweiten Besuch machen wollte.

Eine sehr kurze erste Erfahrung, dennoch eindrücklich, weil ich das Gefühl hatte, mit meiner Anwesenheit etwas zu bewirken. Da-Sein und Mit-Aushalten, etwas, was ich mir vorstellen kann, mir in einer ähnlichen Situation auch zu wünschen!

Eine wundervolle Woche

Vorbereitung

Es lohnt sich im Leben, den Tod frühzeitig als Teil unseres Daseins anzunehmen.

Am Ende des Lebensweges zählt kein Haben und kein Schein, es zählt nur das Sein und die gute Tat. Die letzte Reise erlaubt keine eigene Entscheidung mehr. Sie ist unausweichlich. Die Frage ist: trete ich sie bewusst und in der Akzeptanz an und den begleitenden Herausforderungen mutig und optimistisch entgegen oder wehre ich mich bis zum Schluss und versperre mich gegen das Unabwendbare?

In meiner Wahrnehmung und Erfahrung ist ersteres gesünder. Meine Mama hat mir das vorgelebt in ihrem eigenen Sterbeprozess. Ihr tiefes Vertrauen, dass alles gut ist und wird, hat mich zutiefst geprägt und beeindruckt. Sie ist eine Heldin für mich, eine Wegweiserin, an die ich mich immer wieder erinnere, ihre Lehre einen festen Platz in meinem Leben hat.

Den Tod ins Leben zu lassen heißt für mich, Erfahrungen mit ihm nicht aus dem Weg zu gehen, hinzuschauen und hinzufühlen, Gedanken an ihn nicht wegzudrücken. Dadurch bekommt man nach und nach eine Ahnung, wie man selber gehen möchte!

Einen wunderschönen Wochenanfang!